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Lorenzo Da Ponte
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Ein Roman in 4
Zeilen
Anton Kuh beginnt eine Geschichte namens „Hysterie" mit dem
Satz:
„Der aus Hippersdorf in Niederösterreich gebürtige Landsturminfanterist Josef
Kleinbichler wurde nach der Ausheilung seiner Schenkelwunde zwecks
Konstatierung ins Garnisonsspital geschickt, weil gewisse Zeichen von
Reizbarkeit und Renitenz die Beschaffenheit seines Nervenzustandes als
zweifelhaft erscheinen ließen."
Dies ist für mich ein Roman in vier Zeilen. Denn die folgenden rund zwei
Seiten sind nur mehr Ergänzung und Abrundung des so meisterlich Begonnenen. In
diesen vier Zeilen liegt eine ganze Welt, eigentlich zwei Welten. Die der
beschriebenen Person und die des verfassenden Poeten. Die Mit- und Nachwelt
des Poeten Kuh bezeichnete ihn gern als Sprechsteller. Er war dafür berühmt,
seine Aussagen stil- und treffsicher zu formulieren. Und das sozusagen prima
vista, er dichtete aus dem Stegreif schon druckreif. Leider sind nur Fragmente
seiner Genialität der Nachwelt erhalten geblieben. Er war einer der letzten
Großen der Altwiener Kultur. Durch den Gang der Geschichte erlitt er das
grausame Schicksal so vieler seiner Epoche. Sein Sprachschatz entspringt einer
umfassenden Bildung - Qualitätsmerkmal der Kreise, aus denen er kam und in
denen er lebte. Seine Werke sind genüsslich zu lesen, sie bilden im besten
Sinne.
Doch zurück zum Thema: Obgenannter Satz besticht nicht nur durch seine
Schönheit, durch seine Konsistenz und Rhythmik. Auch der bemerkenswerte
Inhalt, über den ich im Folgenden meine Gedanken hier festhalte, sucht in
seiner Dichte und Klarheit, sowie Vielfalt seinesgleichen.
Wir erfahren knapp und bündig, daß der Soldat aus Hippersdorf gebürtig ist.
Hippersdorf ist großteils durch den Bahnhof Absdorf - Hippersdorf bekannt.
Sonst, die Einwohner dieses Ortes werden, wenn sie dazu Gelegenheit haben,
mich dafür möglicherweise zu Recht steinigen - sonst ist Hippersdorf kaum in
besondere Erscheinung getreten, wenn da nicht Anton Kuh gewesen wäre. Das wird
auch der Grund für Anton Kuh gwesen sein, anzumerken, daß Hippersdorf in
Niederösterreich liegt. Wo das ist, erspare ich mir zu erläutern, das ist die
Wiege Österreichs, des Mittelpunktes des alten Kontinents, der wiederum für
den halbwegs Gebildeten den Mittelpunkt der Erde darstellt. Und es wird klar,
daß der Name der Hauptperson der Geschichte Josef Kleinbichler ist, respektive
war, denn er muß ja schon längst gestorben sein. Sollte der Herr Kleinbichler
trotzdem noch leben, was ich für sehr unwahrscheinlich, aber nicht gänzlich
unmöglich halte, so bitte ich ihn hiermit um Verzeihung. Vor- und Familienname
passen meiner bescheindenen Ansicht nach trefflich zum Sprichwort. Nomen est
Omen. Denn es muß ein einfacher Mensch gewesen sein. Wahrscheinlich war er
Zimmermann, Maurer - nein die wurden meist Franz oder Bertl getauft - oder
Tischler. Jedenfalls bin ich ziemlich sicher, daß er ein Handwerker war und
mit Holz zu tun hatte. Daß er ein gewöhnlicher Sterblicher war, läßt auch
seine Truppenzugehörigkeit, sowie sein untergeordneter militärischer Rang
erkennen. Beim Landsturm, also der Infanterie, waren nur die einfachen Leute.
Landsturminfanteristen, die waren brutal ausgedrückt Kanonenfutter. Spielzeug
für die Obristen und Generalstäbler, die die Divi-sionen und Bataillone auf
den Landkarten hin- und herschoben. Das Schicksal der Kleinbichlers war denen
fremd und unwichtig. Karl Kraus hat das so eindrucksvoll in den „letzten Tagen
der Menschheit" niedergeschrieben.
Kuh schildert, daß Herr Kleinbichler eine Schenkelwunde hatte. Es ist wohl
kaum weit gefehlt, daß die schon ausgeheilte Wunde von einem Granatsplitter
stammt. Im ersten Weltkrieg wurden die gewöhnlichen Soldaten entweder von
Granatsplittern oder Bajonettstößen verwundet, die Herren Offiziere litten
dagegen, wenn überhaupt an etwas, an der Lues. Wie schon geschrieben, ich
tippe auf Granatsplitter. Kuh führt weiters an, daß die Schenkelwunde schon
ausgeheilt war, das bedeutet, daß Kleinbichler entweder im Lazarett oder auf
Heimaturlaub war, um zu genesen. Die folgenden Worte, in denen von Reizbarkeit
und Renitenz die Rede ist, lassen darauf schließen, daß Kleinbichler in einem
der zahlreichen Lazarette ausgeheilt wurde oder die Ehefrau des Josef
Kleinbichler war Schuld an seinem Zustand, was bei den Lebensgewohnheiten des
Kleinbürgertums durchaus ebenso möglich erscheint. Ich tendierere hier eher
zum Lazarett, ich meine der Wortwahl von Kuh entnehmen zu können, daß
Kleinbichler im Lazarett Erlebnisse hatte, die ihn in seinen seelischen
Grunelementen tief erschütterten. Schreiende und fiebernde Mitpatienten,
Wundbrand, Eiter, amputierte Gliedmaßen, sterbende Soldaten, überforderte
Ärzte und Sanitäter. Entsetzliche Zustände, die schon einem Gesunden den
Schlaf rauben. Und da sollen Verwundete Heilung finden. Heutzutage würde man
einen solchen Menschen zum Psychologen schicken.
Kuh nennt die militärärztliche Untersuchung fachgerecht Konstatierung, wie es
damals üblich war. Üblich war es auch, daß diese Konstatierung eine Farce war,
eine Formsache, um der Infanterie wieder Kanonenfutter zuzuführen. Diese
Untersuchung war eine absolut entwürdigende Angelegenheit. Weiters erfährt man
aus dem ersten Satz, daß er ins Garnisonsspital geschickt worden war, also war
er nicht direkt an der Front. Ich habe vorhin schon den Verdacht geäußert, daß
er zur Genesung auf Fronturlaub gewesen sein muß. Denn das Garnisonsspital ist
die Heimat des Regiments. Und Landstrumregimenter waren stets im Hinterland
angesiedelt. Mit der Mitteilung, daß gewisse Zeichen von Reizbarkeit und
Renitenz aufgetreten seien, tue ich mir ehrlich gesagt schwer. Vielleicht sind
wir heutigen Menschen doch anders als unsere Vorfahren, so wie Josef
Kleinbichler einer war. Jedenfalls habe ich völliges Verständnis dafür, daß
einer nach einer Frontverletzung sich gegen eine neuerliche Entsendung ins
Kampfgebiet mit allen Mitteln sträubt. Heutzutage wird ja schon der normale
Kasernendienst verweigert.
Im nächsten Satz beschreibt er mit kurzen bildhaften Worten die
Wartesituation. Und dann kommts. Da sitzt doch bei einer Konstatierung ein
Weibsbild. Das muß doch zu Renitenz führen. Das kann man doch einem
Landsturminfanteristen, mag er Kleinbichler heißen oder sonstwie, nicht
zumuten. Die entwürdigende Situation noch durch weibliche Präsenz zu
potenzieren. Da nimmt man so einem ja den allerletzten Rest von Manneswürde.
Das hätte nicht passieren dürfen. Da muß der Kleinbichler ja renitent werden.
Vor einer fremden Frau sich seiner schäbigen Uniform entledigen zu
müssen.
Und Kuh trifft mit dem Ausdruck „affektierte Marmorkälte des vorgeführten
Objekts" jene Geschmacklosigkeit, die absolut nicht jugendfrei ist. Die
restlichen Sätze dienen nur mehr zur Abrundung des so meisterlich
Vorbereiteten. So leitet man eine Geschichte ein. Ich habe den Satz mehrmals
mit großem Vergnügen gelesen. An dieser Vorlage kann sich jeder ein Beispiel
nehmen. Jene geistige Epoche, in der solche Sätze gedacht und geschrieben
wurden, sie sind endgültig vorüber. Ein grausames Schicksal hat eine Kuktur
beendet, die damit unwiederbringlich verlorengegangen ist. Und was für mich so
schmerzlich ist, sie scheint heutzutage kaum mehr jemandem zu fehlen. Wir
haben uns so weit von unseren ureigensten Wurzeln entfernt, daß wir unser
unerwechselbares Österreichertum ersetzt haben durch ein universales
Allerweltsgesicht. Ein Bild, geprägt durch die Medien, es könnt fast überall
auf der Welt vorkommen. Die Jugend heute lernt Fremdsprachen, aber leider
verlernt sie dabei die Muttersprache und die durch Lokalkolorit definierte
Bodenständigkeit im Denken und Handeln der Vorväter. Gerade in einer Zeit, in
der der Kontinent politisch und wirtschaftlich zusammenwächst, was man in
jeder Beziehung nur begrüßen und aus vollem Herzen unterstützen muß, gerade
jetzt wäre es wichtig, das was voneinander unterscheidet, zu bewahren. Was uns
voneinander unterscheidet, bereichert uns. Es soll uns nicht trennen, es soll
uns unterscheidbar machen. Nehmen wir uns ein Beispiel an der Endzeit der
Donaumonarchie, zumindest in kultureller Hinsicht. Da haben Wien, Prag,
Budapest, Berlin und all die Städte ringsherum friedlich miteinander
konkurriert. Und es war zum Wohl und Vorteil aller. Vielfalt macht reich,
Einheit macht einfältig.
Vereinigt Währungen, politische Systeme, löscht die Grenzen aus zwischen den
Ländern. Aber bewahrt Sprachen, Kulturen, Traditionen.
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