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Jetzt weiß ich, was ein Pyrrhus-Sieg ist. Die Schlacht ist gewonnen, der Krieg aber verloren. Es hat keinen Sinn zu jammern, ich bin selber Schuld. So schön wars vorher. Bittschön, alles war net schön, aber doch so manches. Meine Leidenschaft für Musik zum Beispiel hatte zunehmend gelitten. Die klangliche Komplexität und Raffinesse der geliebten Mozart´schen Opern hab ich halt nimmer so richtig geniessen können, sie hatten im Lauf der vergangenen Jahre an Qualität verloren. Auch meine mehr oder weniger unmittelbare Umgebung, sowohl privater als auch beruflicher Natur, nahm meine deutlich verringerten Hörleistungen zum Anlass für so manche hämische Bemerkung. Und das nicht einmal mehr hinter meinem Rücken.
Irgendwann einmal wird’s einem zu dumm. Ich entschloss mich, zu handeln und suchte die auf diesem Gebiet berühmteste Kapazität auf, einen Herrn Professor für Ohrenchrurgie in St. Pölten. Der Herr Professor war mir auf Anhieb sympatisch, ein freundlicher und ruhiger Mann mit einem für meine Begriffe spitzbübischen Humor. Ich war umgehend davon überzeugt, er würde das Richtige tun. Also vereinbarten wir den Termin der Operation.
Am Tag vor dem Eingriff ging ich guter Dinge ins Spital. Die Operation verlief wunschgemäss. Es ist mir die ganze Zeit im Spital ausgezeichnet gegangen, ich hatte keinerlei Schmerzen, keine Komplikationen, eben optimaler postoperativer Verlauf. Wie mir von den asssistierenden Medizinern berichtet wurde, legte der Herr Professor eine Bilderbuchoperation hin. Ehrlich gestanden, hab ich auch nichts anderen erwartet. Ich bin ja auch nicht zu irgendwem gegangen. Kein Wunder, wenn ein Spitzenchirurg und ein erfahrener „Patient der gesamten Heilkunde“ aufeinandertreffen, dann muss ja ein Erfolg herauskommen. Nach dem überaus erfolgreichen und angenehmen Klinikaufenthalt wurde die postoperative Phase vom Operateur in seiner Ordination betreut in, der selben Qualität und im selben Stil wie die klinische Phase. Ich war mehrmals bei ihm. Die Frau Professor führt mit angenehmem lyrischem Sopran und fürsorglicher Mütterlichkeit die Ordination („nehmens bitte Platz, der Professor kommt um halb vier“).
Es ist, wie schon erwähnt alles wunschgemäss und erfolgreich verlaufen. Mein Gehör ist wieder auf dem Stand von vor einem Jahrzehnt – leider. Denn erst jetzt weiß ich, was ich zwar gewonnen – das Empfinden für Klänge und Töne, eine für mich fast essentielle Fähigkeit - , aber auch, was ich damit verloren habe, nämlich meine Ruhe – und das in mehrfacher Hinsicht. Mein zärtlich geliebtes Weib, die mir Tätigkeiten verschiedenster Natur anzuordnen gedachte, unterliess dies meist mit dem Bonmot „bis der derrische kapiert, was i will, hab i s selber dreimal gmacht“ . Nachdem mich diese häusliche Positionierung des öfteren entlastete, wars mir nicht gerade unangenehm. Und ehrlich gesagt, zu gewissen Aktivitäten bedarf es ohnehin kaum der lautmalerischen Substitution. Ein zärtlicher Blick in Richtung Opposition abends und dem häuslichen Frieden war Genüge getan. Ich hab in Ruhe meine Zeitung lesen können. Und die organisch verstärkte Ruhe förderte meine Konzentration, meine Ausgeglichenheit. Damit ists jetzt vorbei. Ade du seliger Friede.
Beruflich war es ähnlich. Ich wurde nicht zu den ad-hoc-Tätigkeiten herangezogen, es war sinnlos, die Erklärungen an mich waren zu zeitaufwendig. Das alles hat sich seitdem rapid und radikal geändert. Ich kann jetzt zu allem und auch noch sofort herangezogen werden. Und es gibt keine Ausrede mehr. Es hilft nicht, wenn ich mich taub stelle. Ich wurde früher kaum in diverse Intrigen verwickelt, denn um die aktiven Fakten und Geheimnisse mitteilen zu können, musste so laut geredet werden, dass es die Betroffenen selber merkten. Dies war ein Grund für meine Neutralität und eine mir gegenüber distanzierte, aber höfliche Kollegialität. Ich muss mir jetzt mit gespielter Anteilnahme die Argumente der diversen Kontrahenten anhören mit einem eingeflochtenen „das muss ich dir erzählen, das hast du ja vorher alles nicht hören können“. Ehrlich gestanden, das interessiert mich auch heute noch nicht. Ich mische mich zwar auch heute nicht in die Angelegenheiten anderer Leute, aber ich kann sie seitdem weniger leiden.
Jetzt, wo ich höre, fühle ich mich einsamer denn je. Aber ich hab es ja so wollen. Geschieht mir recht. Wenn ich mich bloß net operiern lassen hätt !
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