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Die unsichtbare Kutsche
Es war im letzten Sommer, ein befreundeter Kollege hatte zur ersten Ausstellung seiner Bilder eingeladen. Meine Frau begleitete mich und wir bestaunten im Kreis zahlreicher Bekannter sein Talent. Der Bürgermeister hielt eine viel zu lange und fade Rede. Das Glas in der Hand wanderte ich durch die Räume und besah mir seine Arbeiten. Der Bursche hat tatsächlich Talent, er kann die wesentlichen Aspekte des Geschauten darstellen.
Ziemlich bald kehrte ich immer wieder zu einem Bild zurück. Er hatte es profan „Kastanienallee“ genannt. Es zeigt eine von unten nach oben verlaufende und sich etwa in der waagrechten Mitte verschwimmende Strasse, die an beiden Seiten von Bäumen gesäumt ist. Es muss Spätherbst sein, die Felder an den Seiten sind abgeerntet. Während zur linken Seite neben dem unter den Bäumen verlaufenden Grünstreifen die umgeackerte Scholle braun sich zeigt, leuchtet rechts das junge grün frischer Saatpflanzen. Die gerade verlaufende Strasse ist übersät von ausgebesserten Schotterflecken, sie muss sehr stark beansprucht worden sein von den Erntefuhrwerken. Die Kastanienbäume stehen im herbstlich bunten Laub, auch sie haben des Jahres Arbeit vollbracht. Je weiter sie nach hinten aus dem Blick des Betrachters treten, desto dunstiger wird die Sicht, sie scheinen sich in einer spätherbstlich sonnenbeschienenen Unendlichkeit zu verlieren.
Beim Betrachten des Bildes wurde meine Phantasie angeregt. Ich stellte mir eine Kutsche vor, die schon in der hellen Blässe verschwunden war. Der Graf, Herr der umliegenden Güter, auf der Reise, weg von der herbstlichen Stille hin zum Stadtpalais, zur grossen Gesellschaft. Es muss ein reicher Magnat sein, dem diese unermesslich weiten Felder gehören. Die Bauern und Knechte in den Gehöften und Dörfern rasten von den Wochen auf Feld und Flur, die Ernten sind eingebracht, die Fuhrwerke ruhen. Hinter mir, dem Betrachter, steht unsichtbar, aber trotzdem anwesend, das Schloss mit zahlreichen Nebengebäuden, ein Dorf in der Weite.
Haydns Musik passt dazu, seine Symphonien geschaffen von lebenslang weiterentwickelter Tonsetzerkunst und einem Hauch von slawischer Seele. Der Geruch von Tokaier schwebt über mir.
Ich habe mir das Bild gekauft und es „die unsichtbare Kutsche“ getauft. Es hängt in meiner „Klause“, ich habe es direkt im Blick. Es regt noch immer meine Gedanken an. Es ist kein lautes Bild, keines, das einen anschreit. Es symbolisiert mir den Weg durchs Leben, die Zeit des Bilanzierens, des Blicks über das Land der Lebensjahre. Es zeigt nicht das Ende der Strasse, sie ist im Dunst der fernen Zukunft gelegen. Wer weiss, wie weit der Weg noch ist, ob er gerade weiterführt oder in Kurven, ob er eben bleibt oder bergan oder bergab geht. Ob er weiter von Bäumen beschützt oder den Stürmen ausgeliefert ist.
Es ist ein Bild, das mich zum Nachdenken übers Leben anregt, über die wichtigen Dinge des Daseins. Und darüber, dass wir alle Wanderer sind auf der Strasse der Mühsal und der Prüfungen. Und dass uns der, der alles erschaffen hat, der alles gibt und nimmt, zum Begleiter auf diesem Weg die Natur gegeben hat, zum Nutzen und zum Lernen, und uns derart daran erinnert, dass auch wir von ihm kommen.
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