Home
Gedichte
Geschichten
Lorenzo Da Ponte
Links
Hofrat möchte ich
werden
Seit meinem zehnten Lebensjahr beseelt mich ein Gedanke: Hofrat
möcht ich werden. Das ist der Gipfel meiner Lebensträume.
Ich werde Ihnen, verehrte Leserin, geneigter Leser, im Folgenden die Gründe
dafür darlegen .
Begonnen hat es in den Tagen, da ich gefirmt worden war. Mein Pate war ein
gestandener Gastwirt in der Wiener inneren Stadt, im ersten Bezirk. Einer, der
selber gern und gut aß, dessen Lokal deswegen bei der Beamtenschaft der in
unmittelbarer Nähe liegenden Ministerien und Staatskanzleien hochgeschätzt
wurde.
Wie ich aus der Erinnerung sagen kann, völlig zu Recht. Denn sein
Salonbeuschel suchte wahrhaft seinesgleichen. Ich war also mit den Eltern
schon ein paar Tage vor dem eigentlichen Firmungstermin bei ihm zu Gast.
Ich durfte mit meiner Patin, seiner Frau, ins Cafe gehen, durfte sie beim
Einkauf begleiten und mir die eine oder andere Besonderheit wünschen. Da ich
damals angeblich ein süßer kleiner Knabe von guten Manieren gewesen sein soll,
ich will mich hier nicht über Gebühr loben, hatte sie mich gern. Ich sie
übrigens auch. Ich glaube, ich war damals ein wenig in sie verliebt. Sie
stellte für mich den Inbegriff der gutbürgerlichen Wienerin dar, war mollig
und fesch, so wie ich seitdem die Frauen mag, weltgewandt, hatte Geld, kannte
die Wienerstadt wie ihre Westentasche.
Ich durfte mit ihr erstmals Taxifahren, das war ein besonderes Erlebnis. Und
dann kam der Tag der Firmung. Ich hatte den Wunsch geäußert, daß mich der Herr
Kardinal König selber firmen möge. Das konnte man mir allerdings nicht
garantieren. Aber den Stefansdom, den ja. Ich muß zum Verständnis noch
hinzufügen, warum. Seine Eminenz, Kardinal König, der "Vater Österreichs", war
vor seiner Berufung ins höchste kirchliche Amt unseres Landes Bischof in
St.Pölten gewesen. Und dort hatte einer meiner Großonkeln an seiner Seite
gewirkt. Deswegen war es mein ausdrücklicher Wunsch gewesen, von ihm in die
"Armee Christi" aufgenommen zu werden.
Leider ist nichts daraus geworden. Ich war auf der falschen Seite gestanden,
wie seitdem öfter im Leben. Mich firmte sein Weihbischof. Es ist aber
übertrieben, nun zu behaupten, daß dies der Grund dafür ist, daß ich nicht die
von meinem kirchlichen Vorfahren vorgeschlagene geistliche Laufbahn
eingeschlagen habe. Vielmehr ist es die Zuneigung zum weiblichen Geschlecht
gewesen, die mich schon in jungen Jahren dazu brachte, mich für eine weltliche
Karriere zu entscheiden.
Ich war mit vier Jahren das erste Mal verliebt gewesen. Gelegentlich denke ich
daran, was wohl aus mir geworden wäre, hätte ich mich anders entschieden.
Nicht daß Sie denken, dieses Bedauern wäre die Auswirkung des Ehestandes. Es
war die Sehnsucht, einmal ein so geachteter, respektierter Herr zu werden wie
der Herr Hofrat beim Göd in Wien.
Der Herr Hofrat war ein mittelgroßer, mäßig korpulenter Herr fortgeschrittenen
Alters, der täglich sein Mittagessen beim Göd einzunehmen pflegte. Er betrat
Punkt zwölf das Lokal. Franz, der Oberkellner, nahm ihm erfurchtsvoll den
Mantel ab.
Die Kellner heißen in Wirklichkeit in Wien alle Franz und nicht Leopold, wie
uns das "weiße Rössl" glauben machen will. Leopold heißen die Kutscher. Die
Kellnerlehrbuben heißen Pepi. Der Franz also half dem Herrn Hofrat beim
Entkleiden, begleitete den hohen Herrn zu seinem seit Jahren angestammten
Tisch in der Ecke. Ich glaube, es war die rechte von der Tür aus.
Es erscholl der Ruf des Wirts, meines Herrn Göds: "Das Salonbeuschl für den
Herrn Hofrat." Und es erhoben sich erfurchtsvoll die Blicke zum
Angesprochenen. Es wurde gemurmelt. Der Herr Hofrat wechselt ein paar
leutselige Worte mit dem Wirten
Der Herr Göd sprach mit ihm per "Du, Herr Hofrat". "Weißt", erklärte er mir,
"der Herr Hofrat kommt seit mehr als zehn Jahren jeden Tag zu mir zum Essen".
Ich verstand, das verbindet. Der Franz servierte das Salonbeuschl und ein
Seidel Bier. Nach dem Verzehr der Speisen las der hohe Gast eine Zeitung, die
ihm der Pepi von der Garderobewand reichte. Er holte eine Zigarre aus dem
Etui, eine Regalia Media, (Eingeweihten wird das etwas sagen). Der Wirt selber
zündete sie ihm an und der Herr Hofrat blies den Rauch genußvoll vor sich hin,
während die beiden Männer einige amikale Sätze wechselten.
Ich durfte zuhören und war einmal dem Herrn Hofrat vorgestellt worden. Und ich
glaube, es war der letzte Tag meines Wien- Aufenthalts, da fragte er mich
leutselig: Na, Pepi, du wirst wohl einmal da beim Herrn Göd Kellnerlehrling
werden wollen, nicht wahr? Weil, den richtigen Vornamen dazu hast ja schon.
Nein, erwiderte ich, das will ich nicht. So, was dann? War seine Frage. Ich
möcht einmal Hofrat werden, so wie Sie. Da lachte er schallend und ging.
Ich hab das damals bitter ernst gemeint. Ein Herr Hofrat, das ist mehr als
Professor, mehr als Minister. Professoren gibt es hierzulande zuhauf. Und
Minister werden abberufen oder nicht mehr gewählt. Nein, das ist nichts für
mich. Ich bin für das Beständige und kultivierte.
Apropos, Professor: Es gibt eine wahre Geschichte, die meine kindlichen
Motive, Hofrat und nicht Professor werden zu wollen, in rechtem Licht
erscheinen lassen. Sie handelt Mitte der sechziger Jahre im Salzburger
Festspielhaus. Maestro Dr. Karl Böhm probte mit seinem Wiener Orchester und
Ensemble für die Aufführung zur Zauberflöte. Mitten in einer Probe war sich
ein junger Sänger nicht sicher, ob seine Interpretation der Szene den Wünschen
des Dirigenten entsprechen würde. Er näherte sich schüchtern Maestro Böhm, um
ihn nach seiner Meinung zu fragen: Herr Professor, darf ...
Weiter kam der Ärmste nicht, denn der Dirigent maßregelte ihn mit den Worten:
Professor wird in Österreich a jeder, sagens Herr Doktor zu mir.
Ich war mit meiner geliebten Firmpatin mehrere Male einkaufen gewesen, hatte
die eine oder andere Aufmerksamkeit von ihr geschenkt bekommen, wofür ich mich
natürlich jedesmal, wie es sich für einen anständigen jungen Mann gehört,
gehörig mit einem zärtlichen Busserl bedankt habe. Ich glaube, wir haben beide
diese Dankesbusserl genossen.
Auf jeden Fall, ich kann mich noch gut daran erinnern, durfte ich mit ihr ins
Kaffeehaus gehen. Das schien mir eine der wichtigsten Tätigkeiten, die ein
gutbürgerlicher Wiener, nicht nur Literaten - die waren meist gar nicht so
gutbürgerlich - möglichst regelmäßig auszuüben habe. Wir betraten also ein
sehr nobles Haus, heute weiß ich welches. Ich will aber dessen Namen nicht
nennen, einerseits, weil es mir unangemessen erscheint, damit anzugeben,
zweitens weil dieses vornehme Etablissement eine solche vordergründige Werbung
gar nicht nötig hat.
Wir betraten also das Cafe. Meine Patin war hier wohlbekannt, sie wurde mit
einem sehr freundschaftlichen "Grüß Gottt, gnädige Frau" begrüßt. Wir nahmen
an einem Tisch Platz, den sie offensichtlich regelmäßig zu benutzen pflegte.
Eine schöne junge Dame mit gestärkter Schürze näherte sich uns: Belieben zu
wünschen? Na, was möchtest Du, mein Lieber, fragte meine geliebte Patin: Ich,
ganz kleiner Mann von Welt, wußte es: Eine Melange bitte und eine Sachertorte.
Die ist die Spezialität des Hauses, das hatte ich zu Hause am Land gehört. Und
da ich seit Geburt eine Naschkatze bin, mußte ich die berühmte Torte
probieren. Die Servierdame und meine Patin schmunzelten. Ich fühlte mich im
Paradies.
Da betrat der Herr Hofrat das Lokal. Er wurde vom gesamten Personal sogleich
aufs Allerfreundlichste Willkommen geheißen, nahm an einem der Nebentische
Platz und brauchte gar nicht zu bestellen: Einen Türkischen und eine
Sachertorte, wußte die erste Servierdame. Es wurde ihm eine Zeitung gereicht,
er ergriff sie mit der Selbstverständlichkeit des Weltmannes und begann zu
lesen. Ich bewunderte ihn maßlos.
Auf einmal betrat ein besonders vornehm gekleideter Herr den Raum und ging zum
Hofrat: Servus, lieber Hofrat. Ja, servus, Herr Minister, was führt dich denn
zu mir? Ich brauch deinen Rat, Herr Hofrat. - Der Minister suchte also seinen
Beamten und bat ihn um Hilfe, das beeindruckte mich ungemein. In dem Moment
beneidete ich ihn über alle Maßen. So etwas wollte ich auch einmal werden,
einer, den der Minister höchstpersönlich sucht, um seinen Rat einzuholen. Dann
sprachen sie über ein offensichtlich außerordentlich kompliziertes Problem,
das dem Minister Sorgen bereitete. Nach kurzer Zeit wußte der Hofrat Rat und
der Minister zog zufrieden von dannen.
Der Hofrat blickte zufrieden zu uns herüber. Servus, Frau Wirtin. Grüß Gott,
Herr Hofrat. Ah, der kleine Mann mag auch eine Sachertorte, das zeigt aber von
sehr gutem Geschmack, meinte er. Ich fühlte mich geschmeichelt.
So ein Hofrat, dachte ich mir, das ist die Krone. Das ist eine ganz wichtige,
hochgeachtete Position. Alle kennen und grüßen ihn aufs Ehrfürchtigste,
Minister fragen ihn, er kann alles, weiß alles, darf alles. Meine liebe Patin
klärte mich auf: Ich kenn eine Menge Räte, aber nur wenige Hofräte.
Es gibt viele Titel und Ränge: Kanzleiräte, Amtsräte, Regierungsräte,
Ministerialräte, und dazu deren Steigerung, die Oberkanzleiräte, Oberamtsräte,
Oberregierungsräte und Oberministerialräte. Aber alle stehen sie im Schatten
der Hofräte. Die Amts- und anderen Räte, das sind die mehr oder weniger
gehobenen Sachbearbeiter der Verwaltung, die Experten des Beamtentums. Die
Krönung sind die Hofräte. Die anderen Räte klingen modern, republikanisch, der
Hofrat hat etwas kaiserlich- hasburgisch- monarchisches an sich. Ein
ehrwürdiges Relikt der Kaiserzeit.
Österreich ist das Land, dessen Zukunft schon immer darin bestand, in der
Vergangenheit zu leben.
Und ich bin ein gebürtiger, echter Österreicher. Darum ist es mein
sehnlichster Wunsch, dereinst einmal Hofrat zu werden. Ich weiß, daß es für
die klassische Verwaltungslaufbahn zu spät ist. Ich habe nicht das dazu
notwendige Studium des Verwaltungs- respective Verfassungsrechts absolviert,
bin daher auch nicht in den gehobenen Juristendienst eingetreten. Diese Option
scheidet für mich aus.
Ich hoffe trotzdem, daß mein Traum noch nicht völlig ausgeräumt ist. Ich habe
noch die Chance, durch außergewöhnliche künstlerische Leistungen auf mich
aufmerksam zu machen und dergestalt den Hofrat h.c. zu erlangen.
Ich habe mir vorgenommen, wenn ich es errreiche, und sollte ich dabei noch so
alt werden, dann werde ich zum Grab meiner geliebten Patin zu pilgern und ihr
sozusagen posthum das Dekret zu zeigen. Schau, liebe Patin, jetzt bin ich doch
noch Hofrat geworden. Und sie wird stolz vom Himmel herunterblicken auf mich,
wir werden beide an die Sachertorte denken und sie wird mir sagen: Ich habs
gewußt, ich muß nur warten, aus dir wird noch etwas.
_________________________________________
Home
Gedichte
Geschichten
Lorenzo Da Ponte
Links