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Die Gräfin von Altaussee

(Als bescheidenes Zeichen meiner Wertschätzung gewidmet ihrer Durchlaucht, Rose Marie Gräfin Strasoldo)

Nicht dass Sie glauben, ich möchte mit meinem Geburtstag angeben. Aber es war, als mich meine zärtlich geliebte Gattin anlässlich meines 50ers auf ein paar Tage nach Altaussee einlud. Eine Einladung, die ich gern annahm, weil ich alle Wünsche meiner besseren Hälfte prompt erfülle, um damit weiteren Kalamitäten aus dem Weg zu gehen. Was aber in diesem Fall kein Opfer bedeutete, weil ich selber das Ausseerland liebe. Angeblich soll es, das Ausseerland, der geografische Mittelpunkt meines Heimatlandes sein und der Altauseersee das Tintenfass Österreichs.

Ich selber bin aufs Ausseerland durch Friedrich Torberg gekommen, durch seine Erzählungen und biografischen Notizen. Er hat es in zu Herzen gehenden Worten beschrieben, in seiner unvergleichlichen Sprache. Und weil ich ein Anhänger des „alten Österreich“ bin, seiner Kultur, seiner toleranten und kunstfreundlichen Einstellung. Wenn man bedenkt, dass wir heute, am Beginn des 3. Jahrtausends, an einem Europa bauen, das es vor mehr als hundert Jahren, schon in einer in mancher Beziehung durchaus vergleichbaren Form gab, dann wird man meine Position verstehen.

Und viele Menschen, die damals in dieser oder jener Form bedeutende Exponenten eben jener verblichenen Monarchie darstellten, waren regelmässige Sommerfrischler im Ausseerland. Dichter, Maler, Komponisten, Lebenskünstler, Menschen die durch vielerlei Art das alte Österreich bereicherten.

Ich habe mich lang und oft gefragt, was es denn sei, dass diese Wirkung auf eben jene Persönlichkeiten ausübte. Habe in den verschiedensten Publikationen gesucht und zwar mancherlei Hinweise gefunden. Aber ich wollte die Frage irgendwann an Ort und Stelle klären, für mich selber. Es musste etwas sein, was schwer beschreibbar war, auch für wortgewandte Menschen. Mein Wunsch, das Ausseerland zu besuchen, wuchs kontinuierlich. Da traf es sich eben gut, dass ich 50 wurde. Und meine Frau, meine wirklich bessere Hälfte, hatte es aufgrund meiner gebetsmühlenartig vorgetragenen Wünsche („ich möchte ein paar Tag in Altaussee verbringen“), dergestalt leicht, dafür zu sorgen, dass in ihren Mauern endlich wieder Ruhe herrscht und ich meinen runden Geburtstag in für mich zufrieden stellender Weise verbringen kann. Es gelang ihr, hinter meinem Rücken, ohne dass ich sonst überaus neugieriger Mensch davon Kenntnis erlangte, ein Arrangement in Altaussee zu buchen. Wenn sie es mir nicht zwecks Kofferpacken zwei Tage vorher hätte mitteilen müssen, ich wäre nicht dahinter gekommen. Sie meinte zwar, bei mir wär so was leicht, aber ich will Sie hier nicht in Interna meines Ehelebens einweihen. Ich habs so schon nicht leicht, aber - seis drum würde Torberg hier anmerken - lassen wir das. Und da sie mein Faible für das alte Österreich und meine Zuneigung für die Monarchie (ja, ich bin ein verkappter Monarchist) seit Beginn unserer Beziehung kannte, gelang es ihr, ein Zimmer in einem Schlosshotel bei einer Frau Gräfin zu buchen. Als sie es mir mitteilte, konnte ich es anfangs nicht glauben. Was, Du schenkst mir einen Aufenthalt in Altaussee? Und bei einer wirklichen Gräfin noch dazu? Nein, das glaub ich nicht!

Aber es war so. Und wir fuhren nach Altaussee ins Haus der Frau Gräfin.

Die Fahrt war angenehm, wie fuhren dieselbe Strecke wie immer ins Salzkammergut, wir hielten Rast an derselben Raststätte wie immer und wir erreichten unser Ziel, fanden das schöne Gebäude, indem wir unsere Ferien zu verbringen gedachten.

Es ist ein schönes Haus aus dem 19.Jahrhundert. Der herrschaftliche Sitz thront auf einem Hang ausserhalb von Altaussee. Die Besitzerin, Frau Gräfin Strasoldo, hat uns liebenswürdig und sehr freundlich aufgenommen. Wir haben auch sofort zueinander Kontakt gefunden und uns im Lauf der Tage mehrmals über die verschiedensten Themen unterhalten. Frau Gräfin ist nicht nur eine Aristokratin von Format, sie verfügt über eine umfassende Bildung und wie ich meine über eine profunde und realitätsangepasste Lebenserfahrung, sie ist auch eine wache und humorvolle Gesprächspartnerin. Sie ist eine Dame rundherum, zwar schon in den Jahren, aber lebendig, weltoffen, den Menschen zugeneigt, trotzdem sie sicher viel erlebt und erfahren hat. In ihrer Gegenwart umfloss mich der Atem der Geschichte. Ich habe sie gleich sympathisch gefunden, mich morgens und abends immer gefreut, sie zu sehen und wenigstens ein paar Worte mit ihr wechseln zu können.

Ob meine Erscheinung ihr Wohlgefallen gefunden hat, wage ich zu bezweifeln. Ich bin nicht der Typ, der glanzvoll auftritt. Ich lege schon im Alltag keinen grossen Wert auf noble und festliche Kleidung - ausser ich geh ins Thater - erst recht nicht im Urlaub. Bei mir muss es angenehm zu tragen sein und funktionell. Eigentlich wäre für einen wie mich eine Tracht die ideale Bekleidung, die passt zu jeder Gelegenheit, an jedem Tag und fast bei jedem Wetter. Aber so direkt will ich mich bei den Altausseern nicht anbiedern. Nicht ich auch noch. Obzwar - ein bissl möchte ich schon irgendwie dorthin gehören. Es ist halt gar so schön in Altaussee. Meine Frau meinte, ich wäre wie ein verliebter alter Gockel. Ja wenn s das gibt, in eine Gegend, einen Ort verliebt sein, dann lass ich s gut sein, dann ist es halt so in Gottes Namen. Mir geht s gut damit.

Und ich suche die Begegnung mit der Vergangenheit, mit den Künstlern von damals und ihren Werken. Auf dieser Ebene haben wir uns, Frau Gräfin und ich, auch des öfteren gefunden. Sie hat mir von Torberg erzählt, der bei ihrer Nachbarin und Freundin seine letzten Sommer in Altaussee verbracht hat.

Und schön langsam hab ich auch begriffen was es ist, das die Dichter anzieht. Eine von Bergen umringte Oase inmitten einer herrlichen Landschaft, angelehnt an das Loser-Massiv, hinüberblickend auf den Dachstein. Beschützt fühlt man sich im Auseerland, als hielten die Berge ringsum die Unbill des Lebens fern, als würden die Stürme weit oben über uns hinwegziehen. Gut aufgehoben in der Landschaft, inmitten der Berge, wohlgelitten von den Menschen, wenngleich sie ihre Eigenständigkeit zu wahren wissen, nicht dem Allerweltsgetue nachäffend. Altaussee ist unverwechselbar, einzigartig, irgendwie in sich selber ruhend. Und das überträgt sich auch auf Besucher. Man wird dort friedlich, natürlich, entspannt. Und das Essen ist ausgezeichnet. Es tut einem gut, dort zu sein, speziell mir und speziell in Altaussee.

Die Frau Gräfin hat mir das Frühstücksei gekocht, da hab ich natürlich jeden Morgen eins wünschen müssen. Wann hat unsereins schon Gelegenheit, von einer wirklichen Gräfin das Frühstücksei zubereitet und serviert zu bekommen – na eben. Ihr Frühstückszimmer ist eine eigene Geschichte Wert. Getäfelt mit echtem alten Holz, die Wände voll mit Jagdtrophäen ihrer Mutter selig. Unterm Fenster die Anrichte mit silbernem altem Geschirr, Schalen für Marmeladen, Honig, Butter, all die kleinen noblen Utensilien, die den Hauch der Historie atmen. Und mittendrin ich, ein romantischer Knabe von 50, an der Seite meiner Frau, die sich köstlich unterhielt, wie ich meine Umgebung bestaunte. Meine Sinne sogen all die Eindrücke auf, Gegenstände, Farben, Gerüche, als würde ich einen Film aufzeichnen. Und ich ging durchs Haus wie ein Mönch durchs neue Kloster, konnte mich nicht satt sehen an meiner Umgebung. Ich war ein anderer als sonst zuhause, war der, der ich oft gern gewesen wäre – romantisch, lyrisch, verklärt. Ich war zu beschäftigt mit dem Sammeln von Eindrücken, um jene gebührend zu geniessen. Und ich kam nicht zum Schreiben. Erst jetzt, Wochen und Monate später, jetzt kann ich das Erlebte verarbeiten, gefühlsmässig, gedanklich und schriftlich.

Oft erinnere ich mich an das Haus, an die Frau Gräfin, die Gespräche mit ihr, daran, dass sie mir ein gemeinsames Foto gestattet hat, auf dem ich wie üblich zwider dreinschau – ich schau immer zwider, wenn ich glücklich bin – und den liebenswerten, humorvollen, leicht schelmischen Ausdruck in ihren Zügen, den sie sich trotz ihrer Jahre - ich hoffe das schreiben zu dürfen – bewahrt hat. Ich habe die Frau Gräfin, in allen Ehren natürlich, ins Herz geschlossen – ach hätt ich sie nur schon früher kennen gelernt.

 

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